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Fachbeitrag

Bestandsdokumentation erschliessen

Wie aus einem Archiv eine belegte Datenbasis wird

Daniel Schwarz, Geschäftsführer LIBAL ·
Schaubild in drei Schritten, Archiv, Anforderung und Angaben an der Anlage mit Quelle, eine Angabe ist als Lücke markiert

Von der Anforderung über die Extraktion zur Anlage. Jede Angabe verweist auf die Quelle, jede Lücke bleibt sichtbar.

Kurz gesagt. Bestandsdokumentation erschliessen heisst, aus den vorhandenen Dokumenten einer Liegenschaft die Angaben je Anlage herauszulesen und mit der Quelle zu verknüpfen. Die Informationsanforderung, also die Liste der Angaben, die der Betrieb je Anlage braucht, steuert, wonach KI in jedem Dokument sucht, und jeder gefundene Wert verweist auf das Originaldokument. Was nicht belegt ist, bleibt als Lücke sichtbar und wird nicht geraten.

Zu einer Liegenschaft, die seit zwanzig Jahren in Betrieb ist, liegen leicht mehrere hundert Dokumente vor. In einem Projekt waren es für eine einzige Liegenschaft mehr als 900. Pläne, Abnahmeprotokolle, Wartungsverträge, Prüfberichte, Datenblätter, Schemas. Sie stammen von verschiedenen Unternehmern, aus verschiedenen Umbauten und aus verschiedenen Ablagen. Wer heute wissen will, wann die Lüftung im Untergeschoss abgenommen wurde und welches Wartungsintervall gilt, sucht. Manchmal findet er die Antwort, manchmal zwei verschiedene, manchmal keine.

Dieser Beitrag beschreibt, wie aus einem solchen Archiv eine Datenbasis wird, der man trauen kann. Die kurze Antwort lautet, die Anforderung legt fest, welche Angaben je Anlage gebraucht werden, und steuert damit, was im Archiv gesucht wird. Jede gefundene Angabe verweist auf die Quelle im Originaldokument, jede fehlende bleibt als Lücke sichtbar.

Dokumentenablage statt Information an der Anlage

Vergleich zweier Sichten auf dieselbe Lüftungsanlage, links ein Ordner mit Dateien, rechts die Anlage mit belegten Angaben und zugeordnetem Dokument
Dieselbe Anlage, zwei Sichten. Links die Ablage nach Dokumenten, rechts die Information an der Anlage.

Die meisten Ablagen im Gebäudebetrieb sind nach Dokumenten organisiert. Ein Ordner für die Lüftung, ein Ordner für die Elektroanlagen, ein Ordner für den Umbau von 2014. Das ist für die Übergabe praktisch, für den Betrieb aber nicht. Denn im Betrieb stellt niemand die Frage «Welche Dokumente gibt es zur Lüftung?». Die Frage lautet «Welches Modell ist eingebaut, wer hat es eingebaut, wann wurde es abgenommen, und läuft die Garantie noch?».

Diese Angaben stehen in den Dokumenten, aber nirgends als gesicherte Information an der Anlage. Die Datei existiert, die Information nicht. Genau diese Lücke zwischen Ablage und Information ist der Grund, warum so viele Archive zwar vollständig wirken und trotzdem im Alltag nicht helfen.

Warum Stichproben nicht reichen

Der übliche Umgang mit einem grossen Archiv ist die Stichprobe. Man prüft einige Anlagen, stellt fest, dass die Unterlagen einigermassen stimmen, und schliesst daraus auf den Rest. Das ist verständlich, weil eine Vollprüfung von Hand nicht bezahlbar ist. Es ist aber auch der Grund, warum Fehler erst dann auffallen, wenn eine Anlage ausfällt oder ein Audit ansteht.

Mit KI Unterstützung verschiebt sich das. Es wird nicht mehr eine Auswahl von Dokumenten gelesen, sondern jedes. Und geprüft wird nicht, ob eine Datei vorhanden ist, sondern ob die geforderte Aussage darin belegt ist. Vollprüfung statt Stichprobe, Inhalt statt Dateiexistenz. Das ist der eigentliche Unterschied, nicht die Geschwindigkeit.

Der Ablauf in drei Schritten

Bildschirmansicht mit 3D Modell einer Lüftungsanlage und geöffnetem Abnahmeprotokoll
Ein Abnahmeprotokoll nennt Anlage, Datum, Unternehmer und Mängel auf einer Seite. Darum beginnt die Extraktion dort. Beispiel mit einem Musterprotokoll.

Erstens die Anforderung. Bevor ein einziges Dokument gelesen wird, ist festgelegt, welche Angaben je Anlagentyp gebraucht werden. Für eine Lüftungsanlage sind das zum Beispiel Hersteller, Modell, Einbaudatum, Abnahmedatum, Wartungsintervall und die zuständige Firma, dazu die Dokumente, die diese Angaben belegen. Diese Anforderung steuert die Suche. Nicht das Archiv bestimmt, was gefunden wird, sondern der Bedarf des Betriebs.

Zweitens die Extraktion aus ergiebigen Quellen. Nicht jedes Dokument ist gleich wertvoll. Ein Abnahmeprotokoll nach SIA 118 nennt Anlage, Datum, Unternehmer und Mängel auf einer Seite. Ein Datenblatt nennt Hersteller und Modell. Die Extraktion konzentriert sich auf solche Quellen, erkennt darin Tabellen, Überschriften und Abschnitte und liest die geforderten Werte heraus.

Drittens die Zuordnung zur Anlage. Jeder gefundene Wert wird der Anlage zugeordnet, zu der er gehört, und mit der Quelle im Originaldokument verknüpft. Aus dem Ordner «Lüftung» wird so ein Datensatz je Anlage, mit Angaben, zugeordneten Dokumenten und dem Hinweis, woher jede Angabe stammt. Die Anlage ist ausserdem in Gebäude, Geschoss und Raum verortet, sodass der Datensatz im Alltag auffindbar ist.

Lücken sichtbar machen statt raten

Zwei Antworten auf dieselbe Frage, links eine belegte Antwort mit Quelle, rechts der Hinweis, dass der Beleg fehlt
Eine belegte Antwort oder der Hinweis auf die Lücke. Beides ist wertvoll, eine erfundene Angabe nicht.

Der wichtigste Grundsatz dabei ist einfach. Wo im Archiv kein Beleg gefunden wird, bleibt der Wert leer und wird als Lücke ausgewiesen. Es wird nichts geschätzt, nichts aus einem ähnlichen Fall übernommen und nichts erfunden.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Ein Sprachmodell, das man ohne diese Regel auf ein Archiv loslässt, liefert auf jede Frage eine flüssige Antwort, auch dort, wo es keine Grundlage gibt. Für den Betrieb ist eine erfundene Angabe schlimmer als eine fehlende, weil sie das Vertrauen in die gesamte Datenbasis untergräbt. Eine sichtbare Lücke dagegen ist ein Arbeitsauftrag. Sie lässt sich gezielt schliessen, beim Unternehmer, beim Hersteller oder vor Ort.

Am Ende der Erschliessung liegt darum nicht nur eine Datenbasis vor, sondern auch eine Liste dessen, was fehlt, sortiert nach Anlage und Bedeutung.

Was danach möglich wird

Sobald die Angaben an der Anlage hängen und belegt sind, ändert sich die Arbeit mit dem Archiv. Eine Frage zum Gebäude lässt sich in natürlicher Sprache stellen. Die Antwort nennt die Fundstelle und führt per Klick zur Stelle im Dokument. Fehlt der Beleg, sagt das System das, statt eine Annahme zu treffen.

Dieselbe Datenbasis trägt auch die grösseren Fragen. Für ein Nachhaltigkeitsreporting lässt sich belegen, welche Anlagen welchen Baujahrs in welchen Gebäuden stehen. Für ein Sanierungsprogramm lässt sich zeigen, wo die Dokumentation vollständig ist und wo nicht. Für eine Übergabe an ein anderes System stehen die Daten strukturiert und mit Quelle bereit, statt als Ordner mit Dateien.

Wo anfangen

Bildschirmansicht mit 3D Modell einer Lüftungsanlage und einem leeren Platzhalter für das Abnahmeprotokoll
Das geforderte Abnahmeprotokoll fehlt noch. Der Platzhalter an der Anlage bleibt sichtbar, bis das Dokument vorliegt.

Der Einstieg braucht kein Grossprojekt. Ein Objekt und ein typisches Dokumentenpaket, wie es zu einer Liegenschaft ohnehin vorliegt, genügen. Daraus entstehen drei Dinge, die sich beurteilen lassen. Eine erschlossene Datenbasis für dieses Objekt, eine Liste der Lücken und die Erfahrung, welche Dokumentarten im eigenen Archiv ergiebig sind und welche nicht.

Mit diesem Wissen lässt sich entscheiden, ob und wie das restliche Portfolio folgt. Das Archiv bleibt dabei, was es ist. Es wird nur lesbar.

Häufige Fragen

Was bedeutet Bestandsdokumentation erschliessen?

Die vorhandenen Dokumente einer Liegenschaft werden gelesen, die Angaben je Anlage herausgelöst, der Anlage zugeordnet und mit der Quelle im Originaldokument verknüpft. Aus einer Ablage von Dateien wird eine Datenbasis mit belegten Angaben.

Welche Dokumente sind dafür am wertvollsten?

Abnahmeprotokolle, Datenblätter, Wartungsverträge und Prüfberichte. Sie nennen Anlage, Hersteller, Modell, Datum und Zuständigkeit auf wenigen Seiten und sind darum ergiebiger als Pläne oder allgemeine Korrespondenz.

Was passiert mit Angaben, die in keinem Dokument stehen?

Sie bleiben leer und werden als Lücke ausgewiesen. Es wird kein Wert geschätzt oder aus einem ähnlichen Fall übernommen. Die Lückenliste zeigt, was beim Unternehmer, beim Hersteller oder vor Ort nachzuholen ist.

Wie unterscheidet sich das von einem Chatbot über dem Archiv?

Ein Chatbot über dem gesamten Archiv liefert auf jede Frage eine Antwort, auch ohne Grundlage. Bei der Erschliessung hängen die Angaben belegt an der Anlage. Jede Antwort nennt die Fundstelle und führt per Klick zur Stelle im Dokument. Fehlt der Beleg, wird das gesagt.

Wie gross ist der Aufwand für den Eigentümer?

Für den Start genügen ein Objekt und die Dokumente, die ohnehin vorliegen, übergeben als Paket, etwa als Ordnerstruktur. Die Anforderung wird vor dem Import festgelegt, die Erschliessung läuft danach automatisiert.

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